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Stephan

Administrator

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Donnerstag, 11. Juni 2009, 17:15

Das Ende einer hoffnungsvollen Karriere

Wie jedes Jahr kurz vor dem wichtigsten Turnier des Fußballjahres, dieses wird in diesem Jahr übrigens vom 19. bis 21. Juni in Pepelow ausgetragen, erreichte mich die übliche Frage: „Spielst Du mit?“. Und wie in jedem Jahr gab es darauf von mir nur eine verneinende Antwort. Dafür gibt es zwei Gründe. Punkt eins sind meine überragenden Fähigkeiten am Ball, die den Rest der Fußballwelt in den Schatten stellen und schon öfter dazu geführt haben, das sich gestandene Männer deprimiert in eine Ecke zurückgezogen haben. Dies möchte ich natürlich bei unserer Saisonabschlussfeier vermeiden. ;-) Der zweite Punkt ist mein Knie, welches leider nicht mehr alles mitmacht und weil die Fragerei mich so genervt hat, werde ich Euch nun davon berichten (für Turnierteilnehmer ist dieser Text übrigens Pflicht, vor Spielbeginn wird der Inhalt stichprobenartig abgefragt):

Der Anfang vom Ende

Es war 1999 und ich war noch jung, sportlich und angriffslustig. Natürlich wollte ich so oft wie möglich Fußballspielen und das auch bei der Bundeswehr. Der Winter ging langsam zu Ende und es lag noch Schnee, aber auf unserem Standort gab es glücklicherweise eine Halle. Bei dessen betreten musste ich aber schnell feststellen, dass da seit der Errichtung zu DDR-Zeiten nichts passiert ist. Es war ein Beton-Boden auf den ein Parkett verlegt war. Aber nicht wie üblich mit einer Federung. Nein, scheinbar aus Kostengründen wurde das Parkett direkt auf den Beton gelegt. Der Boden war so also steinhart.

So, und nun stellen wir uns den jungen Stephan vor, der bisher alles hinbekommen hat, glaubt die Welt verändern zu können und sich für unschlagbar hält. Er rennt über diesen Boden, erzielt ein paar schöne Tore und bereitet ebenso schön Treffer mit klugen Pässen vor. Es läuft, das eigene Team liegt vorn, die Mitspieler sind zufrieden. Das geht so bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, dem ganz bestimmten Zeitpunkt, der mein ganzes Leben verändern sollte. Es waren etwa 40 Minuten gespielt, da rollte der Ball nach einem Pass durch das Mittelfeld etwa sieben Meter vor meine Füße. Zwischen mir, dem Ball und dem Tor nur noch der gegnerische Torwart – der etwa 40 Zentimeter größer und 50 Kilogramm schwerer als ich war – der mir entgegenstürmt und versucht, vor mir am Ball zu sein. Da hatte er sich aber getäuscht. Mit der Fußspitze erwischte ich gerade noch das Spielgerät und spitzelte dieses – auch wenn es Sekunden später völlig egal sein sollte – in die Maschen. Was der Keeper traf, war also nicht der Ball sondern leider mein Bein. Da ich eine hohe Geschwindigkeit drauf hatte, wirbelte ich nun durch die Halle, um nach etwa fünf Metern auf den harten Boden zu krachen. Bereits beim Kontakt mit dem gegnerischen Torwart hatte sich mein Bein so verdreht, dass meine Kniescheibe raussprang (Fluktuation der Patella wird wohl der Experte sagen) und nun seitlich von der eigentlich vorgesehen Position lag. Normalerweise nicht weiter schlimm, da der Körper dies als Überlastungsschutz vorgesehen hat. Nur war da eben die harte Landung, die direkt auf die herausgesprungene Kniescheibe erfolgte und diese in viele Einzelteile zerlegte. Ganz nebenbei rissen sämtliche Bänder und der Knorpel wurde selbstverständlich auch stark beschädigt. Bereits beim Versuch aufzustehen, merkte ich, dass da einiges kaputt gegangenen ist und fiel gleich wieder zu Boden. So mussten mich meine Kameraden – beim Bund gibt es keine Freunde oder Menschen – rüber in meine Unterkunft tragen. Bis wir diese erreicht hatten, hatte sich mein Knie mit soviel Blut und Flüssigkeiten gefüllt, dass dieses bereits doppelt so groß war wie normalerweise und es schmerzte und pochte – das kann sich nur jemand vorstellen, der bereits ähnliches erlebt hat.

An dieser Stelle kommt nun das unglaublich gute Gesundheitssystem des Bundes ins Spiel. Denn als ich in meiner Unterkunft angekommen war, wollte ich nur noch schnell rüber in den Sanitäts-Bereich. Also ging es mit Hilfe meiner Kameraden darüber und ich bekam auch gleich ein Bett zugewiesen, nur ein Arzt war nicht verfügbar. „Der kommt erst morgen früh wieder, versuch erstmal zu schlafen“, gab es als lapidare Auskunft. Hat schon mal jemand mit so einem Knie versucht zu schlafen? Alles kaputt und mit jeder Minute wurde das Teil dicker und dicker. Es schmerzte, doch irgendwann wurde die schlaflose Nacht überwunden und der Arzt greifbar. Der schaute kurz drauf und erklärte mir erstmal, dass er dagegen sei, dass erwachsene Menschen einem Ball hinterhetzen… blabla …und das er gar nicht die nötigen Geräte hätte mir zu helfen. Ja, richtig gehört, der Arzt kümmerte sich nur um Husten und Schnupfen – aber ein paar alten Krücken hatte er dann doch noch für mich, damit ich nicht länger andere Soldaten binden würde. So wurde ich also ins 80 Kilometer entfernte Neustadt/Glewe gefahren. Nicht im gutgefederten Krankentransporter, sondern in einem geländetauglichen T2 – der alte Transporter von Volkswagen. Bei jeder Bodenwelle schoss der Schmerz durch meinen gesamten Körper, es war ein unbeschreibliches Gefühl, aber noch nicht der Höhepunkt des Tages. Nach etwa anderthalb Stunden erreichten wir also Neustadt und nach zwei weiteren Stunden hatte dann endlich ein Arzt für mich Zeit. Es war eine Ärztin und man sah ihr irgendwie an, dass die Männerwelt ihr noch nicht viele Freude bereitet hat. „Die Flüssigkeit müsse aus dem Knie“, fauchte sie mich an und rammte im gleichen Augenblick eine Spritze zwischen das dicke etwas zwischen meinem Ober- und Unterschenkel. Damit aber nicht genug, sie knete und drückte mein Knie, um die Flüssigkeit von Knie in die Spritze zu bekommen. Mit „hab dich nicht so, schließlich bist du doch ein Soldat“, reagierte sich auf mein schmerzverzerrtes Gesicht. Als sie zum vierten Mal die Kanüle geleert hatte, brachte sie wenigstens noch ein „Respekt, die Menge ist rekordverdächtig“ heraus. Das baute mein Selbstbewusstsein wieder auf. Wenn schon kaputtes Knie, dann wenigstens mit Rekord. Ansonsten konnte sie mir aber auch nicht helfen und schrieb mir eine Überweisung ins Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Also wieder rein in den T2 und zurück zum Standort. Dort noch einmal übernachtet und Sachen gepackt und am nächsten Morgen ging es in die Heimat – auch wenn erstmal ins Krankenhaus. Das Knie war natürlich mittlerweile wieder vollgelaufen und das Pochern sowie die Schmerzen zurückgekehrt. Aber in Berlin, meiner Heimat, da würde ich doch auf vernünftige Menschen treffen…

Flüssigkeiten und Schmerzen

Einen Tag später wurde ich dann mit einem Golf II recht angenehm in die Hauptstadt chauffiert, das Knie wieder voll Flüssigkeit und die Schmerzen dementsprechend wieder da. Aber auch die Hoffnung war vorhanden, dass sich dies bald ändern würde. Das Bundeswehrkrankenhaus befindet sich nicht nur in direkter Nähe zu meinem Geburtsort, der Charite, sondern ist auch dessen Ausbildungskrankenhaus. Dementsprechend viele AiPler laufen dort rum und nach zweieinhalb Stunden Wartezeit hatte auch einer der Jungärzte Zeit für mich. Wirklich weiterhelfen konnte er mir erstmal nicht, da von außen eben nur zu sehen war, dass alles recht dick geworden ist und im Mittelpunkt des Ganzen irgendetwas kaputt sein muss. Also erstmal wieder Flüssigkeit raus, der Anfänger war zum Glück wesentlich sanfter als seine Kollegin in Neustadt vom Vortag und hatte auch noch eine Schwester dabei, die mich beruhigte – ja, in der Heimat weiß man mit den Menschen umzugehen. Und danach ging es zum Röntgen. Auf den Bildern konnte man jedoch nicht viel sehen, so ordnete der Doc auch gleich noch eine MRT-Untersuchung an. Da man keinen Kernspintomographen im Haus frei hatte, musste ich in eine private Einrichtung in Charlottenburg. Hat schon mal jemand in so einer Röhre gelegen? Ein beklemmendes Gefühl. Allein in so einem engen Raum, in dem man pausenlos vor und zurück gefahren wird. Dazu komische Geräusche, ich war froh, als ich da wieder raus war. Diese ganzen Untersuchungen hatten sich entsprechend über den gesamten Tag hingezogen und als ich abends wieder im BWK auf einen Arzt traf, war ich froh, dass dieser sagte „Mit diesem Knie haben sie es verdient, bei uns ein Bett zu bekommen.“ Ich verstand nicht gleich, was er meinte und war erst mal zufrieden, dass mir geholfen wird und hoffte, dass mein Martyrium bald vorbei sei und ich in drei, vier Wochen wieder dem Ball hinterjagen könne. Ja, der Glaube an den Fußballgott versetzt Berge, aber das sollte bei meinem Knie nicht helfen…

So lag ich also in meinem Bett, zwei weitere Kameraden teilten mit mir das Zimmer, und ich träumte von besseren Zeiten. Dieser Traum war dann jedoch schon um 6.30 Uhr vorbei – Fiebermessen. Ab sofort wurde nun bei mir täglich um diese Zeit das Messgerät in meinen Körper gerammt. Wozu eigentlich? Mein Knie war kaputt, ich hatte keine Erkältung oder Kopfschmerzen. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Zwischen 7 und 8 Uhr stand die tägliche Visite an und bei dieser sollte ich mich an den Spruch des Arztes vom Vorabend erinnern. Ich hatte es mit meinem Knie geschafft, ein Lehrobjekt für angehende Ärzte zu werden. So stand also nun jeden morgen ein Chef-Arzt mit fünf, sechs Jung-Ärzten sowie zwei Pflegern an meinem Bett und philosophierte über den Schaden, Behandlungsmethoden und mögliche Fehldiagnosen. Natürlich durfte jeder mal anfassen und die Probleme ertasten. Highlight war dabei das Aufspüren von Schäden bei gleichzeitigem verdrehen des Objekts. Die einen tasteten sich dabei sanft und vorsichtig an die Sache heran und wollten auf keinen Fall etwas falsch machen. Dafür gab es dann aber meist einen Rüffel vom Chef: „So bekommen sie nie eine ordentliche Diagnose hin. Mal nicht so vorsichtig, kaputt können sie da eh nichts mehr machen.“ Die anderen legten gleich derart massiv los, dass ich das Gefühl hatte, die wollten meinen Unterschenkel ganz ohne Betäubung und Operationsgerät amputieren. Und das Schlimmste war, dass sich dies in den nächsten Wochen nun ständig wiederholen sollte. Ich war zu einem Anschauungsobjekt für angehende Ärzte verkommen und mir steckte niemand dafür die Dollar-Scheine in den Slip. Ich fühlte mich so benutzt. ;-) Bis zur Oparation sollten erstmal noch drei Tage vergehen, denn zuerst musste die Schwellung etwas zurückgehen…

Die Operation

Ich lag also im BWK in Berlin und hoffte, dass die Schmerzen bald wieder vorbei sind und ich möglichst schnell wieder auf meinem geliebten Fußball-Platz stehen könne. Um dieses Ziel zu erreichen, war mir klar, dass ich mich erstmals in meinen Leben einer Operation unterziehen musste. Was ich auf dem Weg dorthin lernen musste, war, dass es bis dahin ein paar gewöhnungsbedürftige Vorstufen gibt und damit meine ich nicht die AiPler, die täglich mein Knie als Anschauungsstück missbrauchten.

Stufe 1 ist dabei das Vorgespräch zur Operation. Dabei klärte mich ein Arzt über die geplanten Schritte, die Gefahren und Risiken auf. Soweit so gut. Aber am Ende wollte er noch, dass ich ein Formular unterschreibe, dass ich mit allen möglichen Dingen einverstanden bin und mich bereit erkläre, diese Risiken auf mich zu nehmen und auf sämtliche Schadensersatzansprüche zu verzichten. Aber welche Wahl hat man in diesem Augenblick eigentlich wirklich? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sagt, „Nein, dass ist mir zu riskant. Ich krieche lieber mit einem kaputten Gelenk durch das Leben.“? Ist die Aussage, „Es ist Ihre freie Entscheidung“ mit Blick auf die Schmerzen nicht blanker Hohn? Kann man unter Schmerzen und mit Blick auf die schwere Verletzung überhaupt eine andere Entscheidung, als die zur OP zuzustimmen, treffen? Ich konnte es nicht und unterschrieb, aber das flaue Gefühl im Magen blieb.

Stufe 2 ist die Vorbereitung zur OP. Am Vorabend der Operation kam die Schwester mit einer Schale ins Zimmer. In dieser lagen eine Creme und ein Rasierer und es folgte die Bitte, dass ich mich zur Dusche bewegen und mein rechtes Bein von sämtlichen Haaren befreien sollte. Es werden wahrscheinlich nur Männer verstehen, dass dies für mich ein Schock war. Mein Bein rasieren, ging einfach einen Schritt zu weit. Es gibt Dinge im Leben, die will man einfach nicht machen und dazu gehört eben, sich als Mann die Beine zu rasieren. Ich finde es auch schön, ein wohlgeformtes, glattes Frauenbein zu streicheln, aber für mich selbst war das unvorstellbar. Nach längeren Diskussionen machte sie mir aber klar, dass ich nicht darum käme und die OP sonst ohne mich stattfinden würde. Nur unter dieser Androhung – und es ist mir wichtig, dies an dieser Stelle besonders zu betonen – begab ich mich also unter die Dusche und begann die Creme aufzutragen und nach einer kurzen Einwirkzeit mein Bein vom Haar zu befreien. Und es war ein schmerzhafter Vorgang. Dabei meine ich nicht das Gefühl, wenn der Rasierer über die Haut gleitet – ich kann nicht verstehen, was für Frauen damit für ein Problem haben ;-) – nein, beim Verlust eines jeden Haares wurde eine Träne verdrückt, weil ein Stück meiner Männlichkeit damit im Abfluss versank. Gut, ich gebe zu, mein Bein hat sich noch nie so gut angefühlt wie nach der Rasur, aber das muss es ja eigentlich auch nicht. Ich bin danach direkt unter meiner Decke verschwunden und bin vor Scham bis zum nächsten Tag darunter auch nicht mehr vorgekommen…

Und damit kämen wir dann zur Stufe 3, der Fahrt in den OP-Saal. Das Bein rasiert, der Magen nüchtern, so wartete ich nun auf das, was da kommen sollte. Zuerst gab es von der Schwester eine Null-Bock-Tablette, die wohl meine Nervosität reduzieren sollte. Dies passierte jedoch erstmal nicht. Desto näher der OP-Termin rückte, desto unruhiger wurde ich. Mein Herz pochte schneller, meine Hände waren kalt und verschwitzt, ich war nervlich am Ende. Und dann kamen zwei Pfleger rein und sagten in meine Richtung „Sie sind dran!“. Ich wusste in diesem Augenblick nicht, ob ich mich freuen oder besser weglaufen sollte. Letzteres war dann aber doch nicht möglich, da ich ja nicht ganz grundlos nun dran war. Also begann die Fahrt in meinem Bett, wobei die Pfleger mit dem einen oder anderen ‚Scherz’ wohl die Stimmung noch etwas auflockern wollten. Taten sie aber nicht. Der Weg durchs BWK war lang und ich weiß bis heute nicht, wo dort die OP-Säle liegen. Unglaublich kann ich nur sagen, man wird durch unzählige Gänge geschoben, fährt mit verschiedenen Fahrstühlen und trifft am Ende ausschließlich auf vermummte Menschen. Man bekommt ein wenig den Eindruck, dass dort irgendetwas vertuscht werden soll, aber was? ;-) Viel Zeit blieb mir jedoch erstmal nicht, um darüber nachzudenken, denn nach zwei Schleusen bekam ich auch schon ein Narkose-Mittel zugeführt und entschwand in eine andere Welt…

So kann ich entsprechend auch nicht viel zur OP sagen, ob die Ärzte gut oder schlecht waren, welcher Patient weiß das schon. Nach einigen Stunden wachte ich in meinem Zimmer wieder auf. Mit meiner Hand machte ich mich langsam zu meinem Knie auf, genoss die glatte Haut ;-) und ertastete einen Schlauch, der mittig aus meinem Knie kam. Beim heben meiner Bettdecke stellte ich schnell fest, dass mich mein Tastsinn nicht getäuscht hatte, mein Knie wurde angezapft und die Flüssigkeit die dort floss, war wohl eine Mischung aus Eiter und Blut, auf jeden Fall nicht sonderlich appetitlich. Aber ansonsten ging es mir gut und schon machte sich wieder etwas Übermut breit. Meinen beiden Bettnachbarn machte ich mit erhobenem Daumen schnell klar, dass so ein Eingriff das Leichteste von der Welt sei und ich schon bald wieder einen Ball an meinem Fuß habe. Und gerade als meine Überheblichkeit seinen Höhepunkt erreichte, betrat der Chef-Arzt den Raum. Er freute sich, dass es mir so gut ginge und erzählte mir, dass die OP gut verlaufen sei. Man habe sich den Schaden genau angeschaut und ein paar abgesplitterte Teile entfernt. Hat alles gut geklappt und nächste Woche könne man dann mit der Reparatur beginnen. Als diese letzten Worte aus seinem Mund kamen, fiel bei mir die gerade schönwerdende Welt zusammen. Ein weiterer Eingriff, hätte ich dem Doc beim Vorgespräch vielleicht doch besser folgen sollen und was ist mit dem wichtigen Meisterschaftsspiel in zwei Wochen? Bis dahin war ich ernsthaft davon überzeugt, dass das Ganze innerhalb weniger Wochen durchgestanden ist, dem war nun aber nicht so. Ich war fertig mit der Welt, wollte am Liebsten raus, aber das ging schon rein körperlich nicht.

So lag ich nun also eine ganze Woche im Bett und genoss das ‚tolle’ Fernsehprogramm, was zu der Zeit unzählige Talkshows für mich bereithielt. Wem geht es eigentlich schlechter, dem, der mit einem Auftritt in so einer Sendung sich seinen Lebensunterhalt verdienen muss, oder dem, der sich mangels Alternativen diesen Müll ansehen muss? Highlight in dieser Zeit waren der Besuch der Cafeteria und des Vorgartens, wo ich wieder kurzzeitig mit dem Rauchen begann. Eine Woche musste so vergehen, bis das dreistufige Vorprogramm von vorn beginnen sollte. Vorgespräch mit Unterschrift, Bein erneut rasieren und die lange Fahrt zum OP-Saal. Betäubung und eigentlich nach wenigen Stunden Aufwachen in meinem Zimmer. Im Satz zuvor steht das eigentlich nicht ganz ohne Druck, denn diesmal gab es einen kleinen Unterschied, der Eingriff dauerte mehrere Stunden und so wachte ich bereits während diesem auf. Aber ganz langsam und so realisierte ich nicht gleich, wo ich gerade bin. Ein Tuch versperrte meinen Blick zum Ort des Geschehens und auch die Geräusche brachte ich nicht mit einer OP in Verbindung. Ich dachte zunächst, jemand würde ein Regal aufbauen und bei dem Hämmern, Sägen und Fluchen wollte ich mich schon zu einem Kommentar a la „Na, wieder so ein Billig-Teil von IKEA geholt“ hinreißen lassen. Aber meine Lippen waren noch irgendwie gelähmt und so langsam fiel mir auch wieder ein, was heute für ein Tag sei und um was es den Menschen hinter dem Tuch geht. Schon wieder ein Schock und ich merkte förmlich, wie mir die Schweißperlen auf die Stirn schossen. Angst und Panik machten sich breit, was auch auf den unzähligen Geräten abzulesen war. „Ist er wach?“ flog durch den Raum, dem ein „wir müssen vorsichtiger sein“ folgte. Ich wollte gerade damit beginnen, darüber nachzudenken, warum die eigentlich nicht schon vorher vorsichtig mit mir umgegangenen waren und warum dort geflucht wurde, da beugte sich eine bildhübsche Schwester über mich und fing an mich zu beruhigen. Gut, sie war ebenfalls komplett vermummt und ich weiß bis heute nicht, wer sie war, aber ihre Stimme hatte etwas schönes, fast schon zärtliches und die zahllosen Narkose-Mittel in meinem Körper taten ihr Übriges. So lauschte ich also noch für einige Minute ihrer Stimme und verschwand dann wieder in meine ganz eigene Welt.

Aufgewacht bin ich dann irgendwann wieder in meinem Zimmer zwischen meinen beiden Kameraden. Ich weiß nicht mehr, wie spät es war und wie viele Stunden seit der morgendliche Fahrt in den OP-Saal vergangenen waren. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass die Sonne so langsam unterging und eine ganz harte Nacht folgen sollte. Denn mit jedem Augenblick, in dem die Narkose-Mittel nachließen, durchzog ein unglaublicher Schmerz meinen Körper. Ich konnte nichts dagegen machen, noch nicht einmal die Stelle berühren. Das ganze Bein war komplett verpackt und an eine Schiene gebunden. Ich konnte mich nicht drehen, nicht bewegen und dazu dieser elende Schmerz. Natürlich kam nun auch nicht nur mehr ein Schlauch aus diesem ganzen Paket heraus, sondern nun waren es drei mit drei einzelnen Flaschen an ihrem Ende. Immer wieder bemühte ich in dieser Nacht die Schwester, die mir wechselweise Kühlakkus und leichte Schmerzmittel brachte – an schlafen war nicht zu denken…

Nun sollte die Reha-Zeit folgen. Die Zeit der Gesundung und des Aufbau der Muskeln. Diese sah für mich sieben schwere Monate vor, bis ich endlich wieder meinen Dienst antreten konnte, aber an Fußball war da nicht mehr zu denken. Eigentlich habe ich Euch nun schon genug gelangweilt, aber vielleicht schreibe ich demnächst noch etwas aus dieser Zeit. Wie es ist, den Sommer – und 1999 gab es einen herrlichen Sommer – in einem Krankenhaus zu verbringen, welches gerade umgebaut wird. Wie es ist, zu dem erbärmlichen Teil der Bevölkerung zu gehören, für den das Fernsehprogramm das tägliche Highlight ist. Und wie ich auf die Idee kam, nach dem frühzeitigen Ende meiner sportlichen Laufbahn eine kleine Webseite zum Thema Fußball ins Leben zu rufen. Ja, vielleicht schreibe ich noch was dazu, aber ganz wichtig ist, jede Frage während des Turniers zu meinem Knie kostet eine Bratwurst oder wahlweise ein frisch Gezapftes. Wir sehen uns in Pepelow…

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