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Gleich mit seinem ersten Buch ist dem Autor Christian Wolter ein großer Wurf gelungen. In ‚Rasen der Leidenschaften – Die Fußballplätze von Berlin‘ lässt er die Geschichte der Berliner Spielstätten und der dazugehörigen Vereine aufleben. Bei der Suche in den Archiven der Bundeshauptstadt fand er zudem einmaliges, bisher unveröffentlichtes Bildmaterial, welches den Lesern einen Eindruck von der damaligen Zeit vermittelt. Und da das Buch mittlerweile gedruckt ist und in den Regalen liegt, fand Christian Wolter am Wochenende etwas Zeit, um auf unsere Fragen einzugehen.

Christian, vor einigen Tagen ist Dein Erstlingswerk ‚Rasen der Leidenschaften – Die Fußballplätze von Berlin‘ erschienen. Gab es bereits Reaktionen?

Ja, und bisher sind Gott sei Dank alle positiv.

Wie bist Du eigentlich trotz Deines jungen Alters darauf gekommen, ein Buch über eine längst vergessene Epoche zu schreiben?

Danke, aber so jung bin ich mit 39 ja leider auch nicht mehr. Fußballgeschichte interessiert mich, weil ich sie spannender finde als die Gegenwart von Bundesliga und Champions League, wo mich die Dominanz von wenigen Vereinen wie Bayern, ManUtd, Real und Barca langweilt.

Wie funktionierte die Zuarbeit von Vereinen, Verbänden und Behörden?

Ich hatte alle für das Buch relevanten Vereine und Archive angeschrieben oder angeklingelt und nach historischem Bildmaterial und sonstigen Archivalien gefragt. Viele Vereine hatten zwar nichts mehr, teils durch Kriegsverluste, teils durch Desinteresse, aber einige saßen auf echten Goldadern. Bei größeren Fotobeständen fanden sich auch immer Aufnahmen von Auswärtsspielen. Dadurch kam ich auch zu Fotos von Plätzen, deren Vereine selbst nichts mehr hatten. Manch Interessantes fand sich auch in den Bauämtern der Berliner Bezirke.

Die wichtigsten Schriftquellen waren natürlich die Fußball-Woche, andere Fußballzeitungen, von denen es Anfang des 20. Jahrhunderts allein in Berlin mehrere gab, sowie Tageszeitungen und die bisherige Literatur zur Fußballgeschichte.

Bei welchem Stadion hattest Du bei der Recherche den meisten Spaß?

Rasen der Leidenschaften – Die Fußballplätze von Berlin Ich glaube, beim Platz von Norden-Nordwest, welcher sich als einer der geschichtsträchtigsten entpuppte. Als ich vor ein paar Jahren nach Berlin zog, kannte ich weder den Platz noch den Verein. Dann fand ich heraus, dass der NNW-Platz schon 1902 eröffnet wurde. Länger wird ohne größere Unterbrechungen in Berlin und Deutschland nur noch im Jahnsportpark Fußball gespielt, nämlich seit 1890.

Der NNW-Platz hieß anfangs Schebera-Platz, benannt nach dem Gastwirt, der ihn gebaut hatte und mit seiner Vermietung und der benachbarten Kneipe gute Einnahmen erzielte. Seit 1904 spielte Hertha hier, zeitweise auch TeBe und viele andere Nordberliner Mannschaften. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde eine Längsseite überdacht, vorher und nachher gastierten hier Profimannschaften aus England und Schottland, dazu gab es Endspiele um den Kronprinzen-Pokal, die Berliner Meisterschaft und den Stadtpokal. Nach dem Krieg spielte hier neben Hertha auch NNW, der damals für kurze Zeit die Nr. 1 von Berlin waren und den Platz 1923 kauften. Hertha baute dann direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite ihr eigenes Stadion. Vorher hatte der Schebera- bzw. NNW-Platz den Spitznamen ‚Plumpe‘, aber mit Herthas Aufstieg wurde die ‚Plumpe‘ zum Synonym des neuen Hertha-Platzes, in dessen Schatten dann wortwörtlich der NNW-Platz lag. Die Hintertortribünen von Herthas Plumpe wurden so hoch aufgeschüttet, dass man von dort auch auf den NNW-Platz schauen konnte, wo manchmal zeitgleich Spiele stattfanden.

1931 war der NNW-Platz Austragungsort des Endspiels um die Fußballmeisterschaft des kommunistischen Sportverbandes. Der Dresdner SV gewann gegen den SV Stralau 1910 3:2 vor 15.000 Zuschauern. Heutzutage ist hier nicht mehr so viel los, aber man sieht am heute bewaldeten Längswall, dass hier mal große Menschenmengen hergepilgert sind.

Glaubst Du, dass der Berliner Fußball irgendwann seinen alten Stellenwert und seine Vielseitigkeit wiedererlangt oder wird es bei zwei, vielleicht drei großen Vereinen bleiben?

Wenn es bei zwei großen Vereinen bleibt, ist das schon recht viel. Berlin ist nun mal nicht London oder Buenos Aires, wo sich die großen Clubs seit jeher auf den Füßen stehen. Das war vor hundert Jahren auch schon nicht anders. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten Hertha und Viktoria 89 die meisten Zuschauer, danach Hertha und TeBe. Ab und zu kamen auch mal andere Vereine zu Erfolg, dann explodierten dort kurzzeitig die Zuschauerzahlen. Davor und danach bedienten sie aber hauptsächlich ihr Kiezpublikum, also ein paar Hundert oder wenige Tausend. Zahlen, die sich die meisten Vereine heute nur wünschen können.

Worin siehst Du die Gründe, dass heutzutage – abgesehen von Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin – die Berliner Vereine kaum noch Zuschauer auf die Plätze locken können?

Das kommt zum einen, weil sich die meisten Menschen nun mal für den besten Fußball interessieren, und den sehen sie im Fernsehen und nicht auf dem Platz um die Ecke. Dort herrscht mangels Zuschauern auch keine Stimmung und es fehlt meist auch eine überdachte Tribüne beim häufig schlechten Wetter.

Zum anderen ist das Freizeitangebot viel größer als früher. Bevor es in Deutschland den großen Wohlstand gab, war Fußball neben Kino, Kneipe und Familienausflügen ins Grüne so ziemlich das einzige bezahlbare Vergnügen für die Arbeiter. Diese Zeiten wünscht man sich ja nicht zurück, und auch Union und Hertha hatten damals im Normalfall längst nicht so viele Zuschauer wie heute. Ich vermute, dass beide zusammen heutzutage deutlich mehr Zuschauer haben als der Berliner Fußball insgesamt in den 20er oder auch 30er Jahren. Die alten Fotos suggerieren uns nur ständig ausverkaufte Plätze, weil die damals schon mit wenigen Tausend Zuschauern ziemlich voll aussahen.

Welchen der bereits abgerissenen Spielorte würdest Du am liebsten wieder aufbauen und warum?

Viele oder am liebsten alle! Zuallererst natürlich den Hertha-Platz am Bahnhof Gesundbrunnen, der auch heute noch Zielort aller Groundhopper wäre. Genauso wie der Sportpark Friedenau. Das war eine 1897 eröffnete Radrennbahn mit Fußballplatz im Innenraum, drei überdachten Holztribünen, einem Fassungsvermögen für knapp 10.000 und umgeben von weiteren Sportanlagen, Restaurants und einem Park. Es war das erste Berliner Gebäude, das schon Stadionform hatte. Vorher wurde nur auf Wiesen und Exerzierplätzen gekickt.

Und beispielsweise der Platz von Viktoria 89 an der Eisenacher Straße, wo Deutschland auch mal gegen England gespielt hatte. Bis Anfang der 1920er Jahre galt er für viele als der schönste Vereinsplatz in ganz Deutschland. Heute befinden sich da ein paar Tennisplätze, und es lässt sich noch erahnen, wo einst die hölzerne Tribüne stand, nämlich auf dem am westlichen Grundstücksrand gelegenen Tennisplatz.

Welche Stadien gefallen Dir eigentlich besser, die alten Kampfbahnen oder die modernen Arenen? Und was macht für Dich ein gutes Stadion aus?

Alles hat seinen Reiz. Früher hat man die Vereine mit reinen Fußballstadien beneidet. Heute, wo fast jeder sowas hat, ärgern wir uns über die Austauschbarkeit vieler Neubauten, die sich nur noch in der Farbe der Plastikbestuhlung und der Anordnung der Treppenlöcher unterscheiden. Man steht heutzutage zwar näher dran und hat ein Dach über dem Kopf, aber in vielen Stadien hat gegenüber früher die Bewegungsfreiheit stark abgenommen. Und die selbstfabrizierte Stimmung auf den Rängen wird oft durch das Geplärre aus den Lautsprechern kaputt gemacht. Aber insgesamt ist es doch besser als früher, auch das Spiel als solches. Und die Laufbahnen um die Spielfelder wünscht sich wohl auch kein normaler Fan zurück.

Ein gutes Stadion muss für mich einzigartig sein, architektonisch abwechslungsreich und geschichtsträchtig. Es muss den Atem rauben, den Puls antreiben und die Phantasie anregen. Z. B. das Bernabeu, das Mestalla und der Ground von Betis Sevilla. Und es muss ein tolles Publikum haben, das auch dann zahlreich erscheint, wenn der Erfolg ausbleibt.

Wenn Du etwas am heutigen Fußball ändern könntest, was wäre das und warum?

Ich würde mir zuerst mal den alten Europapokal mit seinen drei Wettbewerben herbeizaubern, die heilige Dreifaltigkeit mit Cup der Landesmeister, Cup der Pokalsieger und UEFA-Cup. Alles im gnadenlosen K.o.-Modus, von der ersten bis zur letzten Runde. Heutzutage geht es doch nur noch darum, einigen wenigen Vereinen Wahnsinnseinnahmen zu garantieren, wodurch sich deren Abstand zum großen Rest immer mehr vergrößert, so dass in die nationalen Liegen und auch in die Champions League immer mehr Langeweile einzieht, für mich jedenfalls.

Außerdem sollte hierzulande Pyro im vernünftigen Rahmen legalisiert werden, und die Stadionmusik ist vielerorten auch stark verbesserungswürdig.

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Ein Kommentar zu “Interview mit Christian Wolter von Rasen der Leidenschaften – Die Fußballplätze von Berlin”

  1. Sehr schönes Interview… Den Wünschen schließe ich mich an

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