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Geschrieben von Stephan am 15. Februar 2009

Die beiden Bände von ‚Schwarzer Hals Gelbe Zähne’ gehören zu den erfolgreichsten Büchern, die bisher zu einer Fanszene erschienen sind. Die authentische und unverblümte Schreibweise zeichnen die Werke aus. Was der Autor bisher bei der Arbeit an den beiden Bänden erlebt hat, was ihn mit Dynamo verbindet und an welchen Projekten er derzeit arbeitet, dazu stand mit Veit Pätzug nun Rede und Antwort.

Veit, vor Weihnachten 2008 ist der zweite Band von ‚Schwarzer Hals Gelbe Zähne’ erschienen, wie zufrieden bist Du mit dem Buch und welche Reaktionen gab es bisher?

Seltsam: Laut Verlag wird das Buch gekauft ohne Ende – die erste Auflage von 5.500 ist bald erschöpft, aber öffentliche Reaktionen, sprich Rezensionen oder ähnliches gibt es bisher kaum. 11 Freunde, Erlebnis Fußball und Blickfang Ultra haben das Buch thematisiert, aber einschlägige Medien schweigen den Stoff töter als tot. Wahrscheinlich muss es erst wieder mörderisch krachen, bis sich die Geier aufs Aas stürzen.

Na ja, und zufrieden … hat ja was mit Frieden zu tun. Ich bekam ziemlich Stress mit dynamischen KC-Patienten und habe wortwörtlich bezahlt. Hat bestimmter Klientel nicht sonderlich gefallen, sich ungeschminkt auf Kloppe-Fotos wieder zu sehen. Ich sag’s mal so: Ich habe interessante Leute kennen gelernt. Mafia Elbflorenz. Anders ausgelegt: Ich habe jetzt einflussreiche Bekannte…

Zusammengefasst lauten die Reaktionen: „Krass. Irgendwie nicht so lustig wie Teil 1.“ Für mich persönlich hätte es aber noch schärfer sein können, noch ehrlicher, eben die ganze Wahrheit. Aber die bürgerliche Schmerzgrenze hat das Buch auch in vorliegender Form souverän überschritten. Das stimmt mich zufrieden.

Schwarzer Hals Gelbe Zähne Teil 2 Wie schwer ist es Dir nach dem grandiosen Erfolg von Band 1 gefallen – neuwertige Exemplare werden mittlerweile für 300 Euro gehandelt –, die Arbeit für den Nachfolger aufzunehmen?

Überhaupt nicht schwer. Teil 1 ist punktgenau eingeschlagen. Der ungeschminkte Stil hat mir viele Türen geöffnet. Ich musste quasi nachlegen – Dynamos Fanszene ist so vielschichtig, da haben 240 Seiten nicht gereicht. Und die neuen 320 Seiten in Teil 2 sind auch nur ein Strahl der schwarz-gelben Sonne.

Ich habe Post aus Vietnam und Mocambique bekommen und von überall aus Germanien. Der SGD-Virus wuchert in der kleinsten Zelle, überall gibt’s Dynamo-Bekloppte. Beim manchen E-Mails haut’s mich schon beim ersten Satz unter den Tisch. Einfach geil. Aber ich habe auch selber schon bekifft im Sand gekniet und Richtung Osten gebetet – 1994, Dynamo hatte gegen Dortmund 3:0 gewonnen. Für sieben Dollar habe ich vom Sinai nach Dresden telefoniert, von zwei Arabern mit Kalaschnikow bewacht. Als ich mich jubelnd in den Dreck warf, dachten die bestimmt ich sei krank. Bin ich ja auch…

Band 2 wirkt auf mich wesentlich härter, ist das gewollt, und was sagen eigentlich offizielle Vereinsvertreter zu den teils unverblümten Darstellungen?

Dynamos offizielle Vereinsvertreter sagen gar nichts. Das einzig gestreute Statement aus der Geschäftsetage war: „Dieses Scheiß-Buch gehört verboten.“ Tatsächlich haben sich Juristen mit Unterlassungsklagen beschäftigt. Als das Buch erschien, hielten sich hartnäckige Gerüchte, das Teil wird indiziert. Aber ich bin ja nicht komplett doof. Ich wusste, dass es Pfeffer gibt. Die Texte sind juristisch wasserdicht verpackt.

Dass Teil 2 härter kommt, ist unbedingte Absicht. Du weißt, ich bin selbst durch und durch Dynamo-Fan – meine Frau (keine Dresdnerin) meint: schwer bescheuert bis geisteskrank. Aber ich behaupte für mich, eine schwarz-gelbe Brille mit niedriger Dioptrie aufzuhaben. Wenn was brutal, rassistisch oder sonst wie idiotisch ist, zeige ich das. Nützt ja nix. Dynamos Fanfamilie ist groß, bunt und im stetigen Wandel. Wissen vielleicht die Wenigsten: Wir haben hier kirchliche Fanclubs, Homosexuelle, Linke und Linksradikale ebenso wie Rechte bis Rechtsradikale. Der allergrößte Blödsinn ist aber, wenn Dumpfbacken sagen, Politik und Meinung hätte im Stadion nichts zu suchen. Und fast noch bescheuerter ist, wenn Leute behaupten, Dynamos Szene wäre insgesamt nicht rechts. Die Wahrheit ist: Ein Großteil der Szene war lange Zeit braun bis finster. Eben ein Spiegel des sächsischen Freistaats. Ist einfach die Wahrheit. Alles Geschwafel nützt da nix.

Ich habe sicher kein rationales Verhältnis zu Dynamo, ich bin damit groß geworden. Aber ich habe keine Hemmungen, zu zeigen, was hier für Klientel rumspringt. Das gefällt sicher einigen nicht, aber meine Bücher sind eben keine Kuschel-Literatur.

Wie schwer war es eigentlich, gescheite Gesprächspartner zu finden, die Interessantes zu berichten hatten ohne dabei zu selbstverliebt von den wahren Gegebenheiten abzukommen?

Irgendwann nicht mehr schwer. Im Buch sind nur die Leader der Szene vertreten – und haben jedes Zeichen und Leerzeichen abgenickt. Natürlich wird geschwelgt, überhöht und gefeiert. Logisch. Muss sein und hat ja gerade dadurch seinen Charme. Außerdem habe ich mich nicht wie ein Toastbrot bewegt und jeden Zungenschlag eins zu eins übernommen. An den Texten habe ich Monate gefeilt. Wie man in Dresden sagt: Ä bissl Mühe habsch mir och gemacht. Mit meinen Interviewpartner habe ich mehrmals jeden Satz auf den Kopf gestellt, an kleinsten Formulierungen haben wir wochenlang geschraubt. Selbstverliebt ist der Stoff natürlich ohne Ende, aber Unwahrheiten stehen definitiv nicht drin.

Was macht für Dich die Fanszene der SG Dynamo Dresden aus?

Wie gesagt, ich bin mit Dynamo groß geworden. Da hat man kein gesundes Verhältnis mehr. Ich weiß, dass Dynamo von vielen anderen nahezu gehasst wird. Gerade im Westen gelten wir als asoziale Affen, gerade vom Baum gesprungen. Und dass hier natürlich wirklich viele Gestörte auf Pirsch sind, entspricht der Wahrheit. Aber gerade das macht es für mich spannend und unverwechselbar. In Dresden rammelt alles ins Stadion – vom Opernsänger bis zum Lumpensammler. Meine 86-jährige Oma guckt regelmäßig Sport im Osten und ruft mich danach an: „Mensch, die haben aber wieder bescheiden gespielt! Ist denn der Matthias Sammer immer noch verletzt?“ – „Nee Omi, der ist jetzt Sportdirektor beim DFB.“ – „Ach so. Ja, ja, der kleene Sammer … Der Klaus war auch so ein hübscher Kerl. Na hoffentlich spielt der bald wieder mit.“ Also, wir haben hier alle die Vollmeise. Dynamo ist in Dresden eine Art Religionsersatz.

Mittlerweile ist die SGD ja zu einem jämmerlichen Haufen verkommen, der national, geschweige denn international keine Rolle mehr spielt. Aber für die Leute hier bedeutet Dynamo den Pulsschlag. Die Liebe. Das Herz. Die Seele. Dynamo wird verteidigt. Das ist so absurd, dass es einfach liebenswert ist. Meine Oma verteidigt Dynamo bei der Volkssolidarität und Testosteron-Jünger kämpfen für Dynamo auf der Wiese. Was uns alle vereint: Wir sind zornig und stolz. Wer das nicht versteht, ist nicht von hier.

Was waren für Dich persönlich bisher die Erlebnisse mit Dynamo, die Dich am stärksten geprägt und beeindruckt haben?

Könnte ich ein eigenes Buch drüber verfassen: Mein Schulkumpel Henrik hat 1984 im Physik-Unterricht die ganze Stunde lang eine Eintrittskarte gefälscht. Dynamo vs. BFC – natürlich ausverkauft. Mit der bin ich zum ersten Mal ins Stadion. Danach war eigentlich alles zu spät. Dörner, Jakubowski, Schmuck, Häfner, Trautmann, später Kirsten und Stübner – das hat mich geprägt. Diese Idole habe ich angebetet. Schlachten gegen den BFC, gegen Magdeburg, gegen AS Rom oder Aberdeen – das hat mich geprägt. Und ’91 das Gemetzel gegen Roter Stern Belgrad … finster, finster.

Meine Eltern sind mit dem Dresdner Opernsänger Peter Schreier befreundet. Irgendwann in den 80ern war er bei uns zum Abendbrot und erzählte: „Theo Adam hat mich überzeugt, Richard Wagner zu singen. Dafür habe ich ihn überzeugt, mit zu Dynamo zu kommen.“ – so was hat mich auch geprägt. Dynamo Dresden hatte zu DDR-Zeiten ein sensationelles Publikum. Semperoper und Rudolf-Harbig-Stadion spielten in derselben Liga. Mit Europacup-Karten wurde gehandelt wie mit Gold. Das werden wahrscheinlich die wenigsten wissen: Beim Kartenandrang zum EC-Halbfinale Dynamo vs. Stuttgart sind 1989 drei Menschen zu Tode getrampelt wurden. Ich war auch im Gewusel und fand mich, aus der Ohnmacht erwacht, unter einer Sanidecke wieder. ’Ne Karte habe ich trotzdem bekommen – mein Vater hatte mal Minges Knie operiert … Kontakte, Kontakte … Eher unschön: 1994, zu Bundesligazeiten wurde ich von Dynamo-Hools vermöbelt und aus der fahrenden Straßenbahn geworfen, ich passte nicht ins Muster – das hat sich auch eingeprägt.

2004 bin ich mit den Ultras Dynamo nach Wuppertal gefahren. Zu Spielbeginn gab’s im Gästeblock eine orgiastische Pyroshow. Ein Traum in Orange, Schwarz, Gelb. Höllenkrach und wildes „Dy-na-mo“-Gekreische. Dann schenkte uns Neubert das 1:0. Gehirnfasching hoch zehn. Dreitausend Dynamos im Wahn. Alles unter dem Motto: „Wir kommen aus dem Osten und leben auf eure Kosten!“ Mit vollster Hingabe wurde dort jedes Klischee übererfüllt. Oder 2005 (gegen Braunschweig): Hunderte Leute zogen schweigend zum Stadion, die ganze Allee war schwarz – einer der Ultras Dynamo war viel zu jung verstorben. Im Stadionrund hingen riesige schwarze Zaunfahnen, anstatt der vielen bunten. Mich hat sehr viel beeindruckt.

Du hattest ja auch an dem Buch über den 1. FC Lokomotive Leipzig, ‚Von Athen nach Althen’, mitgewirkt. Wie wurde das damals bei den Dynamo-Fans aufgenommen?

Die Finger abgehackt hat mit keiner. Da es ein wirklich gutes Buch geworden ist, dass auch bei einigen Ultras Dynamo in der Literaturecke steht, gab es eher Anerkennung als böse Blicke. Wenn ich mich nicht komplett täusche, wird Lok ja geliebt-gehasst. Also, man blickt mit Respekt auf die sächsische Bruderstadt. Genauso ist es umgekehrt in Leipzig: Scheiß-Dynamo findet man natürlich ätzend, aber man hat Respekt. Wenn ich ein Buch über den Schacht oder Cottbus gemacht hätte … bräuchte ich mich im Harbig-Stadion nicht mehr blicken lassen. Aber genannter Stoff ist für mich auch ohne Reiz. Lok hingegen hat echt was zu bieten. Die Leipziger Szene birgt Sprengstoff. Als objektiver Beobachter muss man natürlich anerkennen, was in Aue, Cottbus oder auch in Thüringen geleistet wird, aber als Dynamo-Fan ist man eben nicht objektiv. Ich zumindest nicht.

An welchen Projekten arbeitest Du aktuell, und wird es noch einen dritten Band von ‚Schwarzer Hals Gelbe Zähne’ geben?

Einen dritten Teil wird es in ein, zwei Jahren geben. Aber nicht mehr so politisch angehaucht wie Teil 2. Auch nicht mehr so gewaltlastig – das reicht mir jetzt. Kopfschütteln und Totlachen ist angesagt – die Geschichten sind so absurd, dann werden wir endgültig eingewiesen. Ich sag nur: Grillen auf der Autobahn, Fischabfälle im Gästeblock und Udo Lattek live vor die Füße gekotzt. Wer nicht spätestens dann mit Dynamo sympathisiert, dem ist nicht mehr zu helfen. Aktuell schreibe ich an einem Subkultur-Roman über die frühen 90er in Dresden. Fantechnisch bewege ich mich nach Westberlin – ‚Frontstadt’ kommt dieses oder nächstes Jahr raus.

Mit einem Blick auf die Konkurrenz, welche anderen Fußballbücher und Fanzines würdest zu empfehlen?

Da gibt’s so viele … die reinste Inflation. Mein absolutes Lieblingsbuch in dieser Richtung ist und bleibt aber ‚I Furiosi’ – der Stoff ist sensationell bekloppt. Schlimmer geht’s nimmer. Bei Fanzines empfehle ich ‚Blickfang Ultra’ – ehrliches Ultra-Handwerk.

Was leider mittlerweile schwerst nervt: 11 Freunde. Was mal erbaulich begonnen hat, ist zu Mainestream verkommen. Sehr schade. Mit liebevoller Hingabe und feinem Layout gemachte Ultra-Zines sind in meinen Augen: Die frühen Ausgaben ‚Tatort Stadion’ der Lokomotivfahrer aus Leipzsch und ‚LA GAZETTA D’ÚLTRA’ der Ultras St. Pauli.

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Ein Kommentar zu “Interview mit Veit Pätzug von Schwarzer Hals Gelbe Zähne”

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