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Geschrieben von Stephan am 23. September 2010

An diesem Dienstag wurde in Zwickau ein Paket zu uns auf die Reise geschickt, dass die neunte Ausgabe der Beziehungskiste enthält und hoffentlich morgen im Lager eintrifft. Wir haben zwar noch kein Titelbild vorliegen, aber die Macher haben uns schon mal mit einer Leseprobe versorgt:

Chacarita Juniors vs. San Lorenzo Fr. 09.10.09 / 1. Liga Argentinien

Vom Retiro-Bahnhof aus dorthin gefahren, mussten wir nicht lange nach dem Stadion der Argentinos Juniors suchen. Auf dem Weg jedoch sahen wir eine der Annahmestellen für das gesammelte Altpapier der Cartoneros, die Schlange riss nicht ab und es war ja schon spät am Nachmittag! Am Ground dann die erste Kontrolle bereits etwa hundert Meter zuvor, und ich hab mir Trottel mein Feuerzeug abnehmen lassen. Wir bogen links ab und entfernten uns zwecks zu viel Zeit noch einmal von der Cancha in Richtung eines Cafés. Überall waren schon Leute und viel Polizei, wir setzten uns an der Straßenkreuzung an einen Tisch, schlürften einen Kaffee, ich besorgte mir ein neues Feuerzeug und mit einem mal Aufregung: Ein Bus, Leute aus den Fenstern, die singen, Trommeln, Fahnen, Lärm, absolut stylisch und mega genial: in etwa zehn Linienbussen, die sie vielleicht gekapert hatten, reiste die Barra vom Ciclon an. Natürlich genial abgepasst der Moment, wir hatten die Logenplätze. Kunden aus den Fenstern, denen man nicht gegenüberstehen möchte, zwischendurch einer mit dem Mofa, dann mal ein Auto mit Fahnen und Trommeln, wieder Busse.

Etwas später ließen wir dann am Stadion die zweite und dritte Kontrolle über uns ergehen, fanden schließlich den richtigen Eingang und durch eine schmale Wendeltreppe erstiegen wir an der Hinterseite der Haupttribüne das Stadion. Vom Ausgangspunkt konnte man über die komplette Tribüne sehen aber auch nach unten auf die Straße, wo die bereits am Café erspähte San Lorenzo Buskolonne hereinfuhr in Richtung Gästeblock. Die musste direkt am Heimeingang vorbei, gab aber nichts. Man hat schon immer den Eindruck, die Polizei ruft etwas Respekt hervor, zumindest erfüllt sie wohl gelegentlich ihre Aufgabe. Verwunderung bei uns dann eher in Form diverser polizeilicher Fortbewegungsmittel, von der Vollcross bis zum Quad war alles dabei. Die Stufen und Sitzplätze auf der Platea waren so eng und steil angeordnet, dass ich mich richtig bemühen musste, und langsam Stufe für Stufe nahm, bis ich bei den anderen angekommen war, bisschen wie Bergwandern auf dem Kamm entlang. Wir suchten uns die besten Plätze mit gutem Überblick, denn das würde heute der Knüller schlechthin werden. Linkerhand von uns, und durch die Höhe der Platea recht weit entfernt wirkend, der Heimblock mit der Barra in schwarz-weiß-rot, den Farben des Clubs. Bänder über den Köpfen, mitten drin das große Band ‚La famosa Banda de San Martin‘ der Gruppe, vorne die gewohnten 1.000 Fahnen mit Namen der Ortschaften und dazwischen die Köpfe einer recht großen Masse, die den Block auf der kompletten Hintertorseite füllte.

Das war schon ein ansprechendes Programm, nur lenkte etwas davon ab, was sich genau grade rüber von unserem Sitzplatz befand – eine zweigeteilte Tribüne, irgendwie auch höher als der Heimblock, füllte sich beiderseits mit rot-blauen Jungs. Die linke Seite schien nicht der offizielle Teil für die Gäste zu sein, doch die größere rechte Seite wurde mit einem mal besser und dichter gefüllt, bis nur noch wenige der Stehplätze am unteren Rand frei blieben. Ganz vorne dran fanden die vielen kleinen Zaunfahnen ihren Platz und füllten die ganze Länge der Geraden aus, in der Mitte des Blocks hinterm Zaun fand sich ‚La Gloriosa‘ und ‚Butteler‘ ein, samt Bändern und allem was dazugehört. Butteler ist, falls es noch keiner vorher erwähnt hat, ein Platz im Stadtteil San Lorenzo, in dem zwar das Stadion nicht ist, sich aber seit Jahren getroffen wird. Auf der Landkarte nachgeschaut stellte ich fest, dass es in all den Quadraten die einzige Diagonale ist – Butteler, scheinbar etwas besonderes. Sie ließen eine große rot blau gestreifte Blockfahne sehen und legten los, wie Wahnsinnige.

Das Spiel war unglaublich geil, bis dato das Beste der Tour und es war über 90 Minuten ein Hochgenuss, sich den krassen Style und die Originalität der Leute anzusehen, die am Ende auch nichts anderes haben, anders kann es nicht sein. Zum Beispiel im linken, leereren Teil der Gästetribüne beobachteten wir eine langhaarige hübsche Frau in Jeans, die einfach nur tanzte, als wäre sie in einem Salsa-Club, dazu die ständige Bewegung des Mobs, die Hände nach oben und im Takt die typische Bewegung, die Lieder besser und impulsiver gesungen, als alle anderen. Die Ausstrahlung und Energie, die von diesem Mob ausgeht, kann man kaum beschreiben. Es hat für unsere Verhältnisse wirklich etwas Übernatürliches und absolut abstraktes. Dazu fiel dann in der zweiten Halbzeit auch noch das absolute Tor des Monats, Janni erzählte uns noch ein paar Gruselgeschichten von den Barras, bis es zu Ende war und wir durchaus glücklich zurück zum Bahnhof watschelten. Unsere Mitreisenden hatten unten im Heimbereich noch irgendwelche französischen Ultralogen von verschiedenen Vereinen kennengelernt, die auch fußballtechnisch in Südamerika unterwegs waren. Wir fuhren noch ne Runde mit den völlig überfüllten Zügen, um Fotos zu machen, Leute hingen an den Türen, die offen blieben, hintenauf waren manche gesprungen, aber es funktioniert ja trotzdem.

Nebenbei und am Abend kommen hin und wieder Infos aus der Heimat bei uns an, bald ist Derby, die Planung in vollem Gange, will ich dorthin zurück – oder bleibe ich hier? Ihr kennt das, die Fragen, die immer wieder mal hochkommen. Grade dann, wenn man auf Reisen ist. Warum macht man dies und das und macht es nicht anders, wieso grade muss ich so ein seltsames Hobby haben, was machen die anderen, was interessiert mich das, will ich dort sein, oder will ich hier sein. Wo will ich sein und was. Am Abend in unserer WG dann Hamburguesa-Frustfressen, denn man hat uns versetzt. Als Rache fürs morgendliche Alleine-Frühstücken… Mein Notizheftchen quillt über und wir trinken das gute Quilmes.

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