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AWD-Arena, AOL-Arena, Allianz-Arena oder gar Signal Iduna Park oder Easy-Credit-Stadion – viele Bundesliga-Sportstätten verkommen zu Werbetempeln. Nur wenige Stadien tragen noch ihre traditionellen Namen. Eines von ihnen ist das FC St. Pauli Stadion am Millerntor. Ein ehemaliges Stadttor gab der Spielstätte ihren Namen. Für den Ursprung des Namens gibt es zwei Theorien: Entweder geht er auf den Ratherrn Enno Miles zurück oder bedeutet schlicht mittleres Tor.

Eine Rezension von Kai Böhne

Damit der Eigenname auch in Zukunft erhalten bleibt, erteilte die Mitgliederversammlung dem Vereinspräsidium und Aufsichtsrat im November 2007 einen weitreichenden Auftrag: Beide sollen sicherzustellen, dass der Name Millerntorstadion weder „zu Zwecken der Werbung, des Sponsorings“ noch „als Gegenleistung für finanzielle Zuwendungen“ verkauft, erweitert oder verändert wird. Nachzuerleben ist die wechselvolle Geschichte des Hamburger Stadteilstadions in einer aktuellen Veröffentlichung des Journalisten René Martens, erschienen im Göttinger Werkstatt Verlag.

Niemand siegt am Millerntor Der FC St. Pauli verfügt über sehr engagierte Mitglieder. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich bezüglich der Vereinssportstätte zu Wort meldeten. Von 1970 bis 1997 trug das Stadion am Millerntor den Namen Wilhelm-Koch-Stadion. Benannt nach dem Präsidenten, der dem Verein von 1933 bis 1969 vorgestanden hatte. 1997 wurde bekannt, dass Koch früher NSDAP-Mitglied gewesen war und dass der von ihm geleitete Betreib vor 1933 jüdischen Bürgern gehört hatte. Daraufhin entschied die Mitgliederversammlung im Oktober 1998, die Spielstätte wieder nach dem Stadttor zu benennen.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wurde das politische Engagement vieler FC St. Pauli-Anhänger zunehmend vernehmbar. Die Piraten-Totenkopf-Flagge etablierte sich als widerständiges Vereinssymbol. Mit Slogans wie „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, nie wieder 3. Liga“ provozierte man sowohl Anhänger, die meinten, Fußball und Politik müsse man trennen, als auch Politaktivisten, die meinten, mit solchen Parolen treibe man keine Scherze.

Fans und sämtliche Spieler der ersten Mannschaft warnten im August 1989 gemeinsam in einem offenen Brief vor rassistischen Parolen und gewalttätigen Auseinandersetzungen in Fußballstadien. Damit zeigten sie größere Sensibilität als der DFB und andere Vereine. Diese benötigten rund zehn Jahre länger, um Maßnahmen gegen die Fehlentwicklungen zu ergreifen. Auch zu Wohnraum- und Stadteilpolitik nahmen die FC St. Pauli-Fans Stellung. Häufig kam es zu Demonstrationen im Anschluss an Heimspiele.

Internationale Stars hatten in den 1950er Jahren – in der Prä-Fernseh-Ära – eine besondere Strahlkraft. Sie bewirkten fünfstellige Besucherzahlen im Stadion. Daher wurden gern populäre Vereine zu Gastspielen geladen. 1950 reiste Rapid Wien mit Ernst Happel und Max Merkel an. 1952 gastierte Partizan Belgrad mit Stürmer Tschik Cajkovski zu einem kleinen Turnier.

Kombinationsteams aus Spielern des FC St. Pauli und Altona 93 spielten in der zweiten Hälfe der 1950er Jahre häufig gegen internationale Clubs. Das bot Vorteile: Beide Vereine konnten sich die Kosten für das Engagement teilen. Ein volles Haus garantierten Anhänger von zwei Hamburger Clubs. Weitere Gäste am Millerntor waren die Schotten von Hibernian Edinburgh, der AC Mailand, Newcastle United und Aston Villa. Im Juni 1959 kam es zu einem besonderen Leckerbissen. Der brasilianische FC Santos mit den Weltmeistern Pele und Zito ließ eine Hamburger Auswahl, ohne Beteiligung des FC St. Pauli, 0:6 untergehen.

Der publizistischen Vielfalt im Stadion widmet Martens ein eigenes Kapitel. Im März 1959 erschien die erste offizielle Stadionzeitung. Dreißig Jahre später entstanden zwei einflussreiche Magazine: das unabhängige Fanzine Millerntor Roar! und das offizielle Millerntor Magazin, ein ambitioniertes Projekt, das unter dem Motto „mehr Meinung, mehr Ironie, mehr Flachs“ angetreten war. Schnell sorgte das Millerntor Magazin für bundesweites Aufsehen. Eine Partie gegen Bayern München war als Klassenkampf angekündigt worden, von einer „streng kapitalistisch ausgerichteten Glamourwelt des FC Bayern“ war die Rede. Das war zuviel für Bayern-Manager Uli Hoeneß . Sein Protest stoppte den weiteren Vertrieb. Auch das Millerntor Roar! schrieb Fußballgeschichte. Es gilt als Mutter aller deutschen Fußball-Fanzines. Seine parteiische, subjektive Art der Einflussnahme kannte man bis lang nur aus der Musikszene. An vielen Bundesligastandorten entstanden Blätter, die dem Roar nacheiferten.

Im Juni 2004 kam es am Millerntor sogar zur Begegnung mit gehobener Literatur. Nobelpreisträger Günter Grass weilte zu einer Benefizlesung im Stadion. Doch das Fußballambiente und der Literat waren nicht recht kompatibel. Eine Tageszeitung spürte „etwas Surreales“, als an Bierständen auch Rotwein – die Flüssigkeit mit der der Schriftsteller seine Stimme ölte – in Pappbechern offeriert wurde. Dennoch lockte der Prominente rund 1000 Bildungsbürger auf die Haupttribüne.

Mehrfach wurden auch Musik- und Kulturveranstaltungen im Millerntorstadion ausgerichtet. 1983 zog ein Friedensfest an zwei Tagen jeweils 25.000 Besucher ins Stadion-Rechteck. Es musizierten Harry Belafonte, Gianna Nannini, Konstantin Wecker, Wolf Biermann und die Bots. Acht Jahre später, im September 1991 gab es mit dem Stadteilfest ‚Viva St. Pauli’ ein ähnliches Großereignis. Es stand unter dem Motto ‚St. Pauli den BewohnerInnen! Spekulanten raus!’ Abermals kamen 25.000 Menschen um Rio Reiser, die Goldenen Zitronen und weniger bekannte Künstler zu sehen.

Der Chronist lässt nichts unerwähnt: In den 60er Jahren durften Stehplatz-Zuschauer bei Regenwetter noch auf die überdachte Tribüne. Martens analysiert die Entwicklung der Zuschauerzahlen und stellt eine Hitparade der beliebtesten Stadiongesänge auf. Selbst Kriminalromane, denen das Millerntorstadion als Schauplatz und Kulisse dient, werden zitiert.

Der Geschichte des FC St. Pauli hat René Martens bereits ein früheres Werk gewidmet. Auch seine Stadion-Hommage atmet die Luft des Vereins und Stadtteils. Martens begleitet die Besucher durch die Jahrzehnte und Jahreszeiten: Vom Anstehen vorm Kartenhäuschen bei den ersten Sonnenstrahlen bis zum winterlichen Kick im Schneetreiben. Das Buch ist unterhaltsam und kenntnisreich geschrieben und mit vielen eindrucksvollen Fotos und Textausrissen abwechslungsreich layoutet.

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