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Die Buchreihe über die Fans der BSG Chemie Leipzig dürfte wohl einmalig in der Buchwelt sein. Noch nie wurde eine Fanszene derart tiefgründig beleuchtet und noch nie wurde derart detailreich eine Jugendkultur auseinandergenommen. Vor einigen Tagen ist der zweite Band mit dem Titel ‚Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?‘ eingetroffen. Dabei wurde gleich die Gelegenheit genutzt, um mit dem Autor Jens Fuge über sein neuestes Werk zu sprechen.

Hallo Jens, pünktlich vor Weihnachten hast Du den zweiten Band der Reihe über die Fans der BSG Chemie Leipzig fertiggestellt. Sag doch ein bisschen was über den Inhalt dieser Ausgabe.

Der zweite Band handelt vorwiegend in den 80er Jahren. Wir haben zwei Schwerpunkte: die Fanclubs und die Stasi. Wobei beides auch wieder miteinander zu tun hatte. Denn die Stasi wollte ja genau wissen, wer sich da so tummelte, und was in den Fanclubs geschah. So haben wir viele Dokumente über versuchte Anwerbungen jugendlicher Fans als IM (Anm. der Redaktion: Inoffizielle Mitarbeiter), also als Spitzel, und wie sie damit umgegangen sind. Ablehnung und Zustimmung, aber auch Geschichten irgendwo dazwischen. Wir konnten mit zwei ehemaligen IM sprechen, warum sie das getan haben und wie es passieren konnte. Aber auch ein hochrangiger Stasi-Offizier konnte nach langen Versuchen überzeugt werden, mit uns zu sprechen, ein achtseitiges Interview gibt einmalige Einblicke in dessen Gedankenwelt. Das Thema ist glaube ich so gut erschlossen wie nie zuvor; freilich am Beispiel von Chemie.

Die Fanclubszene der 80er Jahre wird vorgestellt, drei der wichtigsten Fanclubs werden ausführlichst porträtiert: Die Fanclubs ‚Grüne Engel‘, straffe Antikommunisten und langhaarige subversive Elemente, der Fanclub ‚West‘, organisatorisch gut und mit kreativen Leuten unterwegs, sowie die ‚Sorglosen‘, die erlebnisorientiert unterwegs waren und deren Name Programm war. Viele Fahnen der insgesamt 104 Fanclubs sind abgebildet sowie 30 weitere Fanclubs wurden kurz vorgestellt.

Dazu gibt es hochspannendes Material wie die Geschichte der illegalen Fanzines, die selbstorganisierten Fanclub-Meisterschaften im Fußball, der Besuch eines Fanclubs aus Bonn und die daraus entstehenden Verwicklungen, Chemie-Fans auf Reisen im sozialistischen Ausland und zu Spielen westdeutscher Mannschaften, der Schwarzmarkt vor dem Stadion, die einmaligen und emotionalen Bilder eines Fotografen aus dem Fanblock der 80er Jahre, Beginn und Ende der Fanfreundschaft zwischen Aue und Chemie, Chemie-Lieder und deren Entstehung, die Beatdemo und was Chemie-Fan und Schriftsteller Erich Loest damit zu tun hatte … Den wohl ersten Fanschal der DDR und dessen ‚Hersteller‘ haben wir auch gefunden.

Wie bist Du eigentlich an so viel Material gekommen? Und wie bist Du mit dem Inhalt der vielen Stasidokumente klar gekommen? Er wirkt ja teilweise ganz schön beklemmend.

Da hilft nur Fleiß … Kontakte schmieden, der eine schickt dich zum nächsten, so wird das dann langsam. Zudem hatte ich über fast zwei Jahrzehnte bereits quasi ‚nebenher‘ Material gesammelt und hatte natürlich noch vieles aus meiner eigenen Fanzeit da.

An den Inhalt der Stasidokumente gewöhnt man sich nie so richtig, auch wenn man das über eine längere Zeit macht und darin liest. Aber man sieht das dann irgendwann professioneller, achtet auf die Besonderheiten, ist nicht mehr ganz so betroffen, weil man dann auch die Unterschiede erkennt. Man erkennt leichter, ob der Inhalt harmloser oder schwerwiegender ist. Wobei jeder einzelne Fall ja für die betroffene Person eine riesige Belastung war, unabhängig vom Schweregrad des Falles. Mit der Stasi zu tun zu haben, hat man nicht einfach im Vorbeilaufen weggesteckt.

Wie aufgeschlossen waren die einzelnen Fanclubs bei den Interviews und wurden dabei auch Geschichten rausgeholt, die Du selbst noch nicht kanntest?

Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht? Die Fanclubs, man muss ja sagen, die ‚ehemaligen‘, waren meist sehr aufgeschlossen. Dazu muss ich sagen, dass ich ja kein ganz Unbekannter in der Szene war und selber Teil des Ganzen. Somit musste nicht erst Vertrauen aufgebaut werden. Selbst die ‚Sächsische Volksfront‘ hat anfängliche Bedenken über Bord geworfen und einem Treffen in Berlin zugestimmt. Das Argument, dass man die Infos aus erster Hand erhält, statt sich auf zwielichtige Berichte vom Hörensagen zu verlassen, ist eben stichhaltig. Und natürlich habe ich dabei viele Stories gehört, die ich nicht kannte, ich glaube sogar, die allermeisten Sachen waren neu für mich. Man war ja damals in so einer Art Blase, in seinem eigenen Dunstkreis, hat seine eigenen Erlebnisse gehabt. Aber was die nächste Gruppe, die im Stadion direkt neben einem stand, auf Anreise und in der jeweiligen Stadt erlebt hat, konnte schon wieder ganz anders sein. Und ich muss sagen, dass man damals noch nicht so viel über den eigenen Tellerrand geblickt hat, viele Gespräche sind nie geführt worden. Da ärgert mich heute manchmal, ist aber glaube ich, ganz normal.

Und wie es Dir eigentlich gelungen, den Fotografen Christoph Grandke davon zu überzeugen, seine Fanfotos aus den 80ern zur Verfügung zu stellen?

Ich kannte seine Bilder seit fast 15 Jahren, aber es hat sich eben nie ergeben, diese Bücher eher zu machen. Als es soweit war, saß ich auf der Couch mit Platzdeckchen, Kaffee und Plätzchen in seiner Wohnung einem liebenswerten, aber zunächst misstrauischen älteren Herrn in den 70ern gegenüber. Ich habe ihm eine faire Summe angeboten, die symbolisch seine Mühen von damals würdigte. Aber vor allem habe ich ihm klargemacht, dass seine Bilder somit unsterblich würden, denn bisher hatte die fast noch kein Mensch gesehen – ein Frevel! Das hat ihn dann vollends überzeugt, denke ich.

Was ist denn auf der beiliegenden DVD zu sehen?

Es ist uns gelungen, ehemalige Filmenthusiasten ausfindig zu machen, die zu den Spielen mit ihren 8-Millimeter-Kameras alles sehenswerte dokumentierten. Die beigelegte DVD bietet also Einblicke in eine längst vergangene Ära – Chemiespiele von 1978 bis 1985 sind zu sehen. Die Qualität allerdings ist naturgemäß sehr eingeschränkt, es rauscht und flimmert, Unschärfen dominieren – doch es ist ein originaler Blick und hat deshalb nicht nur Seltenheits-, sondern auch historischen Wert.

Dieses Mal liegt der Fokus ja stärker bei den Fans. Wie sind denn die ersten Reaktionen der Leser auf das neue Buch ausgefallen?

Sehr positiv. Vor allem ist immer wieder zu hören, dass es ein Fanbuch bzw. gleich drei davon mit einem solchen Blickwinkel und der Tiefe bisher nicht gab. Viele bestätigen auch, dass es nicht leicht ist, sich den Stoff zu erobern, aber sagen auch, wie faszinierend sie es finden, wenn sie dabei sind.

Und abschließend die Frage zum dritten Band. Laufen die Arbeiten planmäßig und kannst Du schon einen kleinen Einblick geben?

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – es geht voran! Ja, ich bin schon mittendrin. Jetzt geht es um die Zeit ab 1989 bis heute. Wahnsinns-Stoff auch! Allein die Wendegeschichte, was da alles im Stadion los war zwischen 1988 und 1992! Irre Stories. Die letzte DDR-Oberligasaison, Chemie, nun als FC Sachsen, mittendrin. Abbruch gegen Jena, der Tote beim BFC-Spiel … Unglaublich. Dazu wieder Fanzines, Fanclubs, Fans, die jeder kannte. Das erste Internetradio Deutschlands kommt aus Leutzsch. Und dann das ultimative Highlight: Die Diablos, in der deutschen Ultraszene bekanntlich nicht gerade Leichtgewichte, öffnen sich erstmals und erzählen ausführlich die Geschichte und das Wachsen ihrer Gruppe. Da wird es Einblicke in eine sonst verschlossene Szene geben, nebst Fotos und Erinnerungen, die es so noch nicht gab. Das dürfte sozusagen ultra-spannend werden! Dieser dritte Band erscheint dann nächstes Jahr pünktlich vor Weihnachten im November.

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Ein Kommentar zu “„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht“ – Interview mit Jens Fuge zu Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?”

  1. Hallo Jens,
    wenn Du möchtest kann ich Dir für Deinen 3.Band schöne Schaemie Bilder aus 60iger und Anfang 70iger zukommen lassen.
    Gruß Mecke

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